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dtl Fleischmann

Johann Michael Fleischmann kam 1707 bei Nürnberg zur Welt. Er lernte Stempelschneiden und ging 1727 auf Wanderschaft. Er wollte nach England, aber dazu kam es nicht. Zunachst arbeitete er fast ein Jahr in der Lutherschen Schriftgießerei in Frankfurt am Main, bevor er 1728 über Mainz in die Niederlande ging. Hier war er für mehrere Schrift-gießereien tätig und machte sich dabei einen Namen. In den Jahren 1732 bis 1740 entstanden einige seiner schönsten Schriften
        1743 kam Fleischmann zu Enschedé. Diese Schriftgießerei und Druckerei hatte Izaak Enschedé 1703 in Haarlem gegründet. Fleischmann dankte die Förderung durch Johann Enschedé mit großer Produktivität und arbeitete bis zu seinem Tod 1768 für dieses Haus. Er schuf über zwanzig Antiqua-Schriften und deren Kursive; ferner Schreibschriften, eine Gotisch, zahlreiche ornamentierte Schriften, griechische, arabische und hebräische Alphabete sowie Notenstempel.

Fleischmann zählt zu den großen Meistern der Schriftkunst. Als den bedeutendsten seiner Zeit bezeichnet ihn Paul Renner. Es mag dem Lebensgefühl der Niederlander entsprochen haben, daß Fleischmanns Schriften selbstbewuftt, phantasievoll und auch eigenwillig anmuten. Charakteristisch ist die stilistische Weiterentwicklung in Richtung Klassizismus. Der Stichel wird zum formbildenden Werkzeug und lost die Breitfeder weitgehend ab. Etliche Schriftschnitte von Fleischmann sehen sehr elegant aus, vornehmlich die früheren.

1991 nahm Erhard Kaiser den Auftrag von Frank E. Blokland an, für die Dutch Type Library die historische Fleischmann-Antiqua und -Kursiv neu zu zeichnen. Bisher hatte er für Typoart Dresden Satzschriften gezeichnet, jedoch infolge des gesellschaftlichen Wandels kam dort 1990 die gesamte Schriftentwicklung und damit auch seine Arbeit zum Erliegen.
        Von Anfang an stand für Erhard Kaiser fest, für Antiqua und Kursiv jeweils zwei Schriften zu zeichnen, einen Text- und einen Display-Schnitt. Damit wollte er die übliche, jedoch verwerfliche Praxis vermeiden, von nur einem Schnitt auszugehen und diesen allenfalls elektronisch an die unterschiedlichen Größen anzupassen.
        Zwei separate Schriften ermöglichten es überdies, verschiedene historische Formen einfließen zu lassen. Große Mittelhöhen und relativ schmale Minuskeln, vorwiegend senkrecht stehende Achsen der Rundformen, ausgeprägter Fett-fein-Kontrast und dünne Serifen mit kaum gekehltem Ansatz sind nahezu allen historischen Fleischmann-Schnitten eigen. Besonders die größeren Grade stehen in Spannung zwischen barocken und bereits klassizistischen Formen. Daraus resultierende stilistische Ungereimtheiten tragen zum Charakter und zur Lebendigkeit seiner Schriften bei.
        Die Kursiven betrifft dies ebenfalls. Zwar schwelgen sie noch in Form-elementen des Barock und Rokoko, doch greift bereits die etwas kühle klassizistische Noblesse mit ihrer Disziplin um sich. Bei Antiqua und Kursiv trifft man eigenwillige Versalserifen an, zum Beispiel beim E. Sie stellen das vielleicht typischste Merkmal der Schriften Fleischmanns dar, auch wenn sie nicht immer auf Zustimmung trafen. Es war für Erhard Kaiser keine Frage, dieses Charakteristikum auch in seine Alphabete zu übernehmen.

Eine weitere Nuß gab es beim Fetten-Verhältnis der Grundstriche von Versalien und Minuskein zu knacken, welches Johann Michael Fleischmann, als wolle er ein nachträgliches Späßchen mit uns treiben, oft problemumwehte Gipfel von 1,5:1 und sogar auf 1,6:1 hob. Dieses Verhältnis zu übernehmen, brächte spätestens in einem deutschsprachigen Text Unheil, in dem Versalien oft auftreten und darum eine derartige Hervorhebung nicht verdienen. Fleischmanns Schriftproben enthalten Texte in etlichen Sprachen, aber in Deutsch, seiner Muttersprache, kommen sie nicht vor. Latein gibt es dafür recht häufig, da dessen Schriftsatz am besten aussieht. Erhard Kaiser hat das Fetten-Verhältnis etwas gemildert.

Die Zeichnungen der Schrift waren im Geiste fertig, lediglich zu Papier mußte Erhard Kaiser sie noch bringen. Die Deutsche Bücherei in Leipzig stellte ihr mit modernster Technik 1:1-Aufnahmen aus den Schrift-musterbüchern her, jeweils auf Positiv- film und im Direktverfahren auf Fotopapier, ohne den kleinsten Qualitätsverlust. Die filme brachte er per Vergrößerungsgerät fotografisch auf drei Zentimeter Versalhöhe und hatte damit verläßliche Vorlagen.
        In dieser geringen, allerdings gut überschaubaren Größe zeichnete Kaiser zunächst die komplette Roman und Italic, fügte Kopien der figuren zu Satzmustern und erprobte damit auch schon die Zurichtung. Diese Vorarbeiten und einige historische Originalformen vergrößertte Kaiser auf 100 Millimeter Versalhöhe und fertigte (zuerst für den Display-Schnitt) die dann zu digitalisierenden Konturenzeichnungen an, mit hartem Bleistift und äußerster Sorgfalt.
        Die Zurichtung entscheidet maßgeblich über Gedeih und Verderb einer Schrift, so daß Kaiser ihr entsprechende Aufmerksamkeit zukommen ließ. Jede unbefugte und leichtfertige Manipulation an der Grundzurichtung ist sträflich. Das gilt auch für andere ordentlich produzierte Schriften. Dagegen ist Spationieren und Ausgleichen von Versalsatz so gut wie immer erforderlich.

Eine Besonderheit der dtl Fleischmann liegt darin, daß sie über spezielle Ziffern für die Kapitälchen verfügt, die besser zu ihnen passen als die üblicherweise einzusetzenden Minuskelziffern. Einige spezielle Sonder- und Satzzeichen für die Kapitälchen runden das Bild ab. Etliche Satzzeichen sind ausschließlich für Versalsatz vorhanden, etwa die französische Anführung und das Divis. Entnähme man diese der Standard-Garnitur, wären sie für denVersalsatz zu klein und stünden obendrein zu tief.
        Alle Akzente hat Kaiser jeweils für Versalien, Minuskeln und Kapitälchen separat gezeichnet und einzeln angepaßt. Sie bekamen nach oben ausreichend Raum zugemessen. Einen gesonderten Hinweis verdienen die zahlreichen Ligaturen. Jene mit den geschwungenen Verbindungen sollen als ein Reservoire verstanden werden, aus dem der Typograf nach Bedarf schöpfen kann.

Die dtl Fleischmann is eine charaktervolle Buchschrift und eignet sich nicht nur für Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Die stilistische Eigenart dieser Schrift kann in verschiedensten Anwendungen interessant und passend aussehen.

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